12. September 2015

Arbeit mit Geflüchteten in Nonceveux (Belgien)

Ich habe 2 Wochen mit 6 anderen Freiwilligen und 2 Teamleitern in einem Rote-Kreuz-Wohnheim für Geflüchtete mit ca. 250 Bewohner_innen in Belgien verbracht. Es war eine eindrucksvolle Zeit! Wir waren ein internationales Team, in dem Frankreich, Italien, Spanien, Mexiko, Vietnam und Deutschland vertreten war. Wir haben uns alle sehr gut verstanden und hatten viel Spaß, bei allem, was wir unternommen haben.

Unser Arbeitsprojekt

Unsere Aufgaben während des Workcamps haben sich auf die Renovierung des Gebäudes konzentriert. Wir haben den Bereich für die Jugendlichen neu gestrichen und etwas Farbe reingebracht, wir haben einen Raum entrümpelt, geputzt und gestrichen, in dem nun ein weiterer Waschraum eingerichtet wird, Kleiderspenden sortiert und eine Schulung über Mülltrennung gegeben. Zusätzlich hatten wir die Möglichkeit in die verschiedenen Arbeitsbereiche der Roten-Kreuz-Mitarbeiter_innen reinzuschnuppern, beispielsweise an der Rezeption, bei der Ausgabe von Drogerieartikeln oder der Essensausgabe in der Kantine. Da wir uns aber alle mehr Zusammenarbeit und Kennenlernen mit den Geflüchteten wünschten, organisierten wir in unserer Freizeit Workshops wie z.B. Fußball- oder Volleyballturniere, Musik-Workshop mit den Kindern, eine Wanderung oder ein Treffen nur für Frauen.

Zusammenleben in Nonceveux

Neben den Renovierungsarbeiten war meine Zeit während der zwei Wochen vor allem durch das Zusammenleben mit den Bewohner_innen geprägt. Diese wertvollen Erfahrungen und was ich erlebt habe hat mir geholfen, diese Menschen und ihre Lage besser zu verstehen. Es ist schwer, meine Eindrücke wirklich in Worte zu fassen, aber vielleicht sagen einige Situationen sogar weitaus mehr aus. Ich habe die Bewohner_innen nie direkt danach gefragt, was in ihrer Heimat passiert ist oder wie sie nach Belgien gekommen sind. Manche haben es mir aber einfach erzählt und das war jedes Mal schockierend und geht mir sehr nahe.

Menschen und Geschichten

Ein 13-jähriger Junge, der alleine ohne Angehörige im Wohnheim ist, erzählt mir, dass er zu Fuß aus Afghanistan kam. Was soll man darauf antworten? Eine Frau, die immer richtig freundlich ist und mir zulächelt, ist trotzdem immer ganz ruhig und in sich gekehrt. Ihr Mann ist in Syrien ein sehr bekannter und guter Arzt. Nach einer Morddrohung musste die Frau in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihren fünf Kindern fliehen. Ein 15-jähriger Junge aus Somalia wurde auf seiner Reise mit dem Boot und Bussen von seinem Bruder getrennt und ist nun alleine in Belgien ohne zu wissen wo sein Bruder ist und wie es ihm geht. Als ein Mann aus dem Irak sehr bedrückt war und mit niemandem reden wollte, stellte sich später raus, dass an diesem Tag wieder Bomben in seiner Region fielen. Er hatte schon seine Eltern verloren und sein Bruder ist noch im Irak. Er konnte ihn aber nicht erreichen. Diese Geschichten gehen mir sehr nahe. Mehr als die Berichte aus den Nachrichten, denn ich kenne diese Menschen ja jetzt, ich lebe in dem Wohnheim mit ihnen zusammen.

Schöne Momente

Aber man bekommt nicht nur die schweren und traurigen Momente mit, mit denen die Leute immer noch kämpfen oder versuchen sie zu vergessen. Ein besonders schöner Moment war, als ein Mann aus dem Irak einen positiven Bescheid bekommen hat und nun wusste, dass er legal ein neues Leben in Belgien aufbauen kann. Wir haben uns riesig mit ihm gefreut! Doch nicht alle Leute haben sich so mit ihm freuen können. Es gab auch einige traurige Gesichter und für manche war es interessanter, den Brief in den Händen zu halten als ihm zu gratulieren. Zunächst fand ich das sehr schade, doch ich kann es auch verstehen. Manche hatten schon viel länger auf so einen Bescheid gewartet, und jede_r sehnte sich wahrscheinlich danach, diesen Bescheid auch für sich und seine Familie in den Händen zu halten. Abends waren wir dann zu einem somalischen Abendessen eingeladen, um auch einen positiven Bescheid eines somalischen Geflüchteten zu feiern. 

Meine Schwester

Auf dem Gelände des Wohnheims, beim Fußball und auf den Balkonen waren meist fast nur Männer und Kinder zu sehen. Die wenigen Frauen kannten sich anscheinend kaum untereinander. Wir machten es uns zur Aufgabe, ein Treffen nur für Frauen zu organisieren und hofften somit die Frauen vielleicht ein wenig zusammenzubringen. Es stellte sich heraus, dass das eine große Herausforderung war. Wir klopften an jede Tür und es war schwierig, die Frauen zu dem Treffen zu motivieren. Manche konnten ein bisschen Französisch oder Englisch sprechen, andere konnten nur Arabisch oder Somalisch. Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten hatten wir aber Erfolg mit einem Spiel, bei dem jede auf einen Zettel etwas schreibt oder malt, das einem an der anderen Person gefällt. Noch am selben Abend haben wir einen Brief von einem somalischen Mädchen bekommen haben, die auch am Frauentreffen teilgenommen hatte. Sie hat den Brief für uns mit Hilfe eines Jungen auf Englisch verfasst. Darin stand, dass seit sie ihr Land verlassen hat sie noch nie jemand so respektvoll und offenherzig behandelt hat. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich davon erzähle. Wir waren so glücklich und haben gemerkt, dass wir vielleicht doch ein kleines bisschen  bewirken können. Von diesem Tag an hat mich dieses Mädchen ihre Schwester genannt.

Dinner of the World

Die erste Woche war vergangen und ich hatte schon so viele tolle Eindrücke sammeln dürfen. Als wir nach einem 2-Tages-Ausflug nach dem Wochenende wieder zurückgekommen sind, wurden wir mit freudigen Gesichtern empfangen und alle haben gefragt, wo wir denn waren. Es war ein Gefühl wie wenn man nach Hause kommt. Ein ganz besonderer Abend war auch das „Dinner of the World“. Um ein offenes Klima zwischen dem belgischen Dorf und den Geflüchteten zu schaffen, organisierte das Rote Kreuz diesen Tag der offenen Tür. Menschen aus 5 verschiedene Nationen haben Essen vorbereitet und alle waren super aufgeregt. Das ganze Dorf war zu einem gemeinsamen Abendessen mit den Bewohner_innen eingeladen. Alle haben sich schick gemacht und auch wir haben an diesem Abend viel Spaß gehabt. Wir traditionelles Essen von verschiedenen Kontinenten probiert und gelernt, wie man richtig mit den Fingern isst.

Der Abschied

So fiel uns der Abschied nach den 2 Wochen sehr schwer. Jetzt bin ich wieder zurück in Deutschland und habe das Gefühl, ich habe so viel erlebt, so viel dazugelernt, Freundschaften geschlossen und doch bin ich traurig und wütend. Wütend, weil ich sehe, wie einfach es für mich ist, in einem anderen europäischen Land zu reisen, zu arbeiten, was für Rechte ich habe und alles nur, weil ich einen deutschen Pass habe. Das ist unfair. In meinen normalen Alltag in Deutschland zurückzukehren ist seltsam. Mit manchen Geflüchteten aus Belgien habe ich noch Kontakt und ich mache mir Gedanken, wie ich auch in Zukunft helfen kann. Ein Mann aus Syrien hat mir am Tag der Abreise gesagt, die Geflüchteten herzlich zu empfangen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind, ist das Beste, was wir tun können. Ich werde versuchen, auch hier in meiner Stadt bei der Flüchtlingshilfe mitzuarbeiten.

Katrin (23, Teilnehmerin)

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