10. September 2019

Als Gruppenleitung im Klingenberger Wald (Deutschland)

Eine Reise von Indonesien oder auch von Mexiko nach Deutschland in eine Stadt namens Klingenberg am Main - das hört sich extrem anstrengend an. Wenn ich stattdessen meinen Weg zu unserem Workcamp beschreiben müsste, würde ich sagen, dass ich nur mein Haus verlassen musste und schon dort war.

So unspektakulär wie es sich anhört, waren jedoch die drei Wochen, die mir als Gruppenleitung des Workcamps in Klingenberg noch bevorstanden, noch lange nicht. Eher im Gegenteil. Nacheinander trudelten die Teilnehmenden in unserer Unterkunft mitten im Klingenberger Wald ein. Keiner der Wandernden, die jeden Tag den Wanderweg nicht weit entfernt von unserem Camp entlang gingen, hätte wohl vermutet, dass sich hinter ein paar Bäumen 10 verschiedene Nationen unter einem Dach lebten. Alle 14 Freiwilligen teilten die selbe Neugier, als wir nach einer langen Nacht des Kennenlernens und Austauschens in unseren Betten in den wohlverdienten Schlaf eintauchten: Was wohl der nächste Tag für uns bereit hält...?

Mit dem von manchen verhassten Wort „Aufstehen“ in den Ohren und dem Geruch von frischen Brötchen in der Nase öffnete ich am ersten Arbeitstag die Augen.

Schlaftrunken wurden am Frühstückstisch Pausenbrote geschmiert und die Rucksäcke gepackt, denn schon um 8 Uhr sollte unsere Arbeit im Wald beginnen.  Dieses Morgenritual wiederholte sich bis Freitag, dem Start in unser Wochenende. Bei der Arbeit selbst drehte sich alles um die Natur. In der Klingenberger Schlucht wurde Müll gesammelt und wir erneuerten alte Holzbrücken. Die Greifvogelstation des LBV wurde mit einem neuen Regenwasserablaufsystem wetterfest gemacht. Auch die Gegend rund um die Vogelauffangstation wurde von uns auf Vordermann gebracht. Auch der Natur-Infopfad strahlte nach unserem Einsatz in neuen Lackfarben und ein Außenklassenzimmer aus Holz kam neu dazu. Biotope wurden frei geschnitten, sodass die Sonne den Pflanzen wieder einen Besuch abstatten konnte.

Unsere größte Herausforderung war immer wieder der harte Boden, der liebevoll auch Naturbeton genannt wurde.

So erwiesen sich drei einfache Löcher im Boden für die tragenden Säulen einer Hütte, die wir bauten, als komplettes Tagesprojekt. In den Mittagspausen stürzten sich alle auf ihren eingepackten Proviant. An manchen Tagen hatten wir sogar besonders Glück und uns wurde eine deutsche Spezialität von den Arbeitsanleitungen auf den Tisch gestellt. Mit gefüllten Mägen machten wir uns dann wieder an die Arbeit bis es um 16 Uhr Feierabend hieß. Mit vollgepackten Auto fuhr ich dann die kurvigen Straßen zurück zu unserem Camp, wo das jeweilige Küchenteam mit einem leckeren und für ihr Land bekannten Essen auf uns wartete. So kam es, dass ich während dieser Zeit einmal kulinarisch um die Welt reiste. Von Hotpot aus China bis Borscht aus Russland/Ukraine war alles dabei. Jeden Tag erfüllte ein anderer Duft unsere Küche und unsere Weltreise ging weiter.

Die drei Wochen verbrachten wir natürlich nicht nur mit Essen und Arbeiten. Wir wollten auch zusammen die Region entdecken, neue Leute treffen und uns austauschen.

So haben wir uns extrem auf den ersten Freitag gefreut, an dem eine Willkommensparty für uns auf dem Programm stand. Es wurde zusammen Volleyball gespielt und am Grill entstanden erste neue Freundschaften. Am Ende des Abends wollte eigentlich niemand gehen, weshalb wir noch bis spät in der Nacht auf einer Bierbank saßen und gemeinsam über dieses und jenes philosophierten. Sprachbarrieren gab es unter uns kaum. Mit dem Englisch aus der Schule kamen wir alle zurecht und bald schon lernten wir auch verschiedene Wörter aus anderen Sprachen. Wenn es doch zu Verständnisproblemen zwischen deutscher Seite und den Teilnehmenden kam, übersetzte ich so gut ich konnte.

Unsere Freizeit unter der Woche verbrachten wir mit Kartenspielen, Tischtennis oder Monopoly - Spielen, die über die Grenzen hinweg bekannt sind.

Auch dem Schwimmbad und einer Badebucht wurde ab und zu ein Besuch abgestattet. Die Wochenenden läuteten dann noch mehr Freizeit und Ausflüge ein. An einem der ersten Tage schauten wir uns zusammen auf der Clingenburg das Musical „Rocky Horror Show“ an und unsere Vorbehalte lösten sich in Luft auf.  Am zweiten Freitag ging es zusätzlich auf ein Musikfestival nach Mönchberg, das bei allen sehr gut ankam und wohl so schnell nicht vergessen wird. So lernten wir Aschaffenburg von seiner kulturellen aber auch kulinarischen Seite kennen. Auch Würzburg war vor uns nicht sicher. Zur gleichen Zeit wie unser Workcamp fand bei Klingenberg auch ein Volksfest statt, vor dem auch wir keinen Halt machten. Mit Schlagermusik und unseren neuen Freunden feierten wir auf den Bänken bis in die Nacht.

Über all die Zeit, die wir zusammen verbrachten, schlossen wir uns gegenseitig in unser Herz. Schon sehr früh lachten wir viel zusammen und es herrschte eine angenehme Stimmung in der Gruppe. Der Abschied war das Schlimmste am Camp. So viele neue Freunde verteilen sich nun wieder in der ganzen Welt.

Russland oder auch Spanien scheint auf einmal unerreichbar. Doch die Entfernung hält mich nicht davon ab mit den Leuten aus meiner Gruppe in Kontakt zu bleiben. Es entstand eine Freundschaft für das Leben und für die bin ich diesem Projekt am meisten dankbar.

Jacqueline (18, Gruppenleitung)

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